Leihmutterschaft, Abtreibung und die Umdeutung der Menschenwürde
Kinder sind eine Gabe Gottes.
Dieser Satz klingt zunächst freundlich, beinahe selbstverständlich. Seine eigentliche Tragweite zeigt sich jedoch erst dann, wenn der Mensch beginnt, über Kinder zu verfügen: wenn er ungeborenes Leben verwirft, weil es nicht gewünscht ist, oder wenn er ein Kind technisch erzeugen, vertraglich bestellen und durch eine andere Frau austragen lässt.
In beiden Fällen geht es nicht nur um medizinische Verfahren oder individuelle Lebensentscheidungen. Es geht um die grundlegende Frage:
Ist der Mensch Empfänger des Lebens – oder dessen Eigentümer?
1. Der aktuelle Anlass
Die Debatte um Jens Spahn hat die Leihmutterschaft erneut in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Spahn und sein Ehemann wurden mithilfe einer Leihmutter in den USA Eltern. Nachdem dies öffentlich geworden war, trat Spahn am 18. Juli 2026 als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurück. Die Auseinandersetzung betraf dabei nicht nur sein privates Verhalten, sondern auch den Widerspruch zur bisherigen politischen Position der Union, die an dem Verbot der Leihmutterschaft festhält.
Die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf forderte daraufhin die Legalisierung der Leihmutterschaft. Ein Verbot sei paternalistisch, sofern Frauen sich freiwillig entschieden, Leihmutter zu werden. Ihr Argument lautet im Kern: Der Staat dürfe eine Frau nicht gegen ihren eigenen Willen vor sich selbst schützen.
Diese Argumentation ist folgerichtig – allerdings nur innerhalb eines bestimmten Menschenbildes.
2. Gehört der Mensch sich selbst?
Das moderne Menschenbild versteht den Menschen zunehmend als autonomes Individuum. Sein Körper gilt als sein Eigentum. Sein Wille soll darüber entscheiden, was mit diesem Körper geschieht.
Daraus ergibt sich eine einfache Logik:
Was freiwillig geschieht, darf der Staat grundsätzlich nicht verbieten.
Die Frau darf demnach ihren Körper für eine fremde Schwangerschaft zur Verfügung stellen. Der Kinderwunsch der Auftraggeber und die Zustimmung der austragenden Frau sollen gemeinsam ausreichen, um das Verfahren zu legitimieren.
Die Bibel beginnt jedoch an einem völlig anderen Punkt.
„Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib der Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euer selbst seid?“
- Korinther 6,19
Der Mensch gehört nicht sich selbst. Er ist Geschöpf Gottes. Sein Leib ist keine uneingeschränkt verfügbare Eigentumsmasse. Der Mensch ist Verwalter dessen, was Gott ihm gegeben hat, nicht souveräner Eigentümer seiner selbst.
Damit wird auch deutlich:
Freiwilligkeit kann Zwang ausschließen, aber sie kann eine Handlung nicht heiligen.
Ein Mensch kann freiwillig lügen, seinen Körper schädigen, sich erniedrigen oder sich für fremde Zwecke instrumentalisieren lassen. Die Zustimmung beantwortet lediglich die Frage, ob etwas gegen seinen erklärten Willen geschieht. Sie beantwortet nicht, ob es gut, richtig oder gottgemäß ist.
3. Kinder werden gegeben
Die Schrift beschreibt Kinder ausdrücklich als Gabe:
„Siehe, ein Erbteil des HERRN sind Söhne, eine Belohnung die Leibesfrucht.“
Psalm 127,3
Der Mensch ist an der Zeugung beteiligt. Dennoch bleibt das Kind nach biblischem Verständnis nicht das Produkt menschlicher Verfügung, sondern eine Gabe Gottes.
Der Unterschied zwischen Gabe und Produkt ist grundlegend.
Eine Gabe wird empfangen.
Ein Produkt wird geplant, bestellt, hergestellt und übergeben.
Gerade in der modernen Fortpflanzungsmedizin verschiebt sich diese Grenze. Der Kinderwunsch wird zunehmend zu einem Anspruch auf ein Kind. Medizin soll dann nicht mehr nur eine gestörte natürliche Funktion unterstützen, sondern das gewünschte Ergebnis herstellen.
Damit wird das Kind vom Empfangenen zum Verfügbaren.
4. Abtreibung und Leihmutterschaft
Abtreibung und Leihmutterschaft sind nicht dasselbe.
Bei der Abtreibung wird ein bereits entstandenes Kind verworfen. Der Mensch entscheidet, dass dieses Leben nicht fortbestehen soll.
Bei der Leihmutterschaft wird dagegen ein Kind ausdrücklich gewünscht. Doch seine Entstehung, Schwangerschaft, Abstammung und spätere Zuordnung werden technisch und vertraglich organisiert.
Die gemeinsame Wurzel liegt in der beanspruchten Verfügungsmacht:
Bei der Abtreibung sagt der Mensch:
Dieses Kind soll nicht leben.
Bei der Leihmutterschaft sagt er:
Dieses Kind soll für uns unter den von uns bestimmten Bedingungen entstehen.
Das eine ist die Verwerfung einer Gabe. Das andere ist der Versuch, die Gabe nach eigenem Willen herzustellen.
In beiden Fällen stellt sich der Mensch nicht mehr als Empfangender unter Gott, sondern als Entscheidender über das Leben.
5. Die überzähligen Embryonen
Bei der Leihmutterschaft wird gewöhnlich nicht ein einzelner Embryo erzeugt und anschließend ausgetragen. Das Verfahren beruht regelmäßig auf künstlicher Befruchtung. Dabei werden mehrere Eizellen gewonnen, mehrere Embryonen erzeugt und anschließend nach Entwicklungsfähigkeit und teilweise auch nach genetischen Kriterien ausgewählt.
Ein Teil entwickelt sich nicht weiter. Ein Teil wird nicht übertragen. Andere Embryonen werden eingefroren und möglicherweise niemals verwendet.
Das Kind, das schließlich geboren wird, steht daher häufig am Ende eines Auswahlprozesses, in dem weitere menschliche Embryonen ausgeschieden, dauerhaft gelagert oder aufgegeben werden.
Damit verschärft sich die Frage noch einmal:
Es wird nicht nur ein Kind bestellt. Es werden häufig mehrere Embryonen erzeugt, damit einer von ihnen den gewünschten Zweck erfüllt.
Das geltende deutsche Embryonenschutzrecht erkennt zumindest teilweise an, dass ein menschlicher Embryo nicht beliebig veräußert oder zu einem nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck verwendet werden darf.
6. Abraham, Sara und Hagar
Die Grundstruktur ist nicht neu.
Sarai konnte keine Kinder bekommen. Daraufhin gab sie Abraham ihre Magd Hagar, damit diese ihm ein Kind gebäre:
„Und Sarai, Abrams Frau, gebar ihm nicht; und sie hatte eine ägyptische Magd, und ihr Name war Hagar. Und Sarai sprach zu Abram: Siehe doch, der HERR hat mich verschlossen, dass ich nicht gebäre; geh doch ein zu meiner Magd! Vielleicht werde ich aus ihr erbaut werden.“
- Mose 16,1–2
Hagar sollte für Sarai ein Kind austragen. Technisch unterscheidet sich dieses Geschehen von heutiger Leihmutterschaft. Strukturell bestehen jedoch deutliche Gemeinsamkeiten:
Eine andere Frau wird zur Erfüllung des eigenen Kinderwunsches eingesetzt. Das von ihr geborene Kind soll einer anderen Frau zugerechnet werden.
Sarai wusste sogar, dass der HERR ihren Mutterleib verschlossen hatte. Dennoch wartete sie nicht weiter auf Gott, sondern suchte einen menschlich verfügbaren Ersatzweg.
Abraham hörte auf sie.
Die Folgen traten unmittelbar ein: Verachtung, Eifersucht, Härte, Flucht und dauerhafter Konflikt.
Die Schrift sagt nicht ausdrücklich mit einem einzelnen Satz: „Gott verurteilte dieses Verfahren.“ Doch der gesamte Verlauf zeigt, dass Gott den menschlichen Ersatzweg nicht als Erfüllung seiner Verheißung anerkannte.
Der verheißene Sohn sollte von Sara selbst geboren werden:
„Doch Sara, deine Frau, wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Isaak geben; und ich werde meinen Bund mit ihm aufrichten zu einem ewigen Bund für seine Nachkommen nach ihm.“
- Mose 17,19
Zwischen der Geburt Ismaels und dem erneuten berichteten Reden Gottes mit Abraham liegen dreizehn Jahre. Die Schrift nennt den Grund dieses Schweigens nicht ausdrücklich. Der Zusammenhang ist dennoch auffällig.
Als Gott wieder erscheint, sagt er:
„Ich bin Gott, der Allmächtige; wandle vor meinem Angesicht und sei vollkommen.“
- Mose 17,1
Abraham hatte gehandelt, als müsse er Gottes Zusage selbst ermöglichen. Gott stellt sich ihm daraufhin erneut als der Allmächtige vor.
Der Mensch muss Gottes Gabe nicht herstellen. Gott ist fähig, seine Zusage selbst zu erfüllen.
7. Ismael war nicht der Fehler
Bei aller notwendigen Klarheit darf ein entscheidender Unterschied nicht verwischt werden:
Ismael war nicht der Fehler.
Der Fehler lag im Handeln Abrahams und Sarais. Das Kind selbst blieb ein Geschöpf Gottes. Gott sah Hagar in ihrer Not, hörte Ismael und gab auch ihm Verheißungen.
Dasselbe gilt für jedes Kind, das unter ungeordneten, sündhaften oder technisch erzeugten Umständen entsteht.
Ein durch Leihmutterschaft geborenes Kind ist nicht weniger Mensch, nicht weniger schützenswert und nicht weniger von Gott geschaffen.
„Denn du bildetest meine Nieren. Du wobst mich im Leib meiner Mutter.“
Psalm 139,13
Die Entstehungsweise kann gegen Gottes Ordnung verstoßen. Das entstandene Kind tut es nicht.
Die Sünde liegt nicht im Kind, sondern in der angemaßten Verfügung über seine Entstehung, Abstammung und Zuordnung.
8. Was geschieht mit der Menschenwürde?
Das Grundgesetz beginnt mit den Worten:
„Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen …“
Unmittelbar danach erklärt Artikel 1:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“
Beide Aussagen stehen im geltenden Verfassungstext.
Die Menschenwürde wird im Grundgesetz nicht ausdrücklich dogmatisch aus Gott hergeleitet. Dennoch enthält die Präambel einen entscheidenden Gedanken: Der Mensch und der Staat sind nicht die letzte Instanz. Sie stehen in Verantwortung vor einer höheren Autorität.
Wird dagegen behauptet, der Mensch gehöre ausschließlich sich selbst, verschiebt sich die Bedeutung der Würde.
Würde bedeutet dann nicht mehr:
Der Mensch ist grundsätzlich unverfügbar.
Sie bedeutet zunehmend:
Der Mensch darf selbst über seine Verfügbarkeit entscheiden.
Das klingt zunächst nach einer Stärkung der Würde. Tatsächlich verändert es jedoch ihr Wesen.
Aus der Würde als Grenze jeder Verdinglichung wird die Würde als Begründung freiwilliger Selbstverdinglichung.
Der Mensch darf seinen Körper vermieten.
Er darf seine Schwangerschaft vertraglich versprechen.
Er darf ein Kind für andere austragen.
Er darf über die Weiterexistenz ungeborenen Lebens entscheiden.
Und all dies soll gerade deshalb würdig sein, weil es seinem autonomen Willen entspricht.
Damit wird die Menschenwürde nicht aus dem Grundgesetz gestrichen. Sie wird inhaltlich umgedeutet.
Das Wort bleibt bestehen, während sein ursprünglicher Schutzgehalt verschwindet.
9. Der Schenkende und sein Geschenk
Wir dürfen Gottes Empfinden nicht einfach aus menschlicher Kränkung ableiten. Doch die Schrift zeigt, dass menschliche Sünde Gott nicht gleichgültig ist.
„Und es schmerzte ihn in sein Herz hinein.“
- Mose 6,6
„Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes.“
Epheser 4,30
Wie würde ein Schenkender den Umgang mit seinem Geschenk betrachten?
Bei der Abtreibung wird die Gabe zurückgewiesen und vernichtet.
Bei der Leihmutterschaft wird nicht auf die Gabe gewartet, sondern versucht, sie technisch zu erzwingen, vertraglich zu ordnen und den eigenen Wünschen anzupassen.
Der Mensch sagt damit sinngemäß:
Ich entscheide, ob dein Geschenk leben darf.
Oder:
Ich entscheide, wann, wie, durch wen und für wen dein Geschenk hervorgebracht wird.
Damit behandelt der Mensch nicht nur das Kind als sein Eigentum. Er verhält sich auch gegenüber Gott so, als hätte der Schöpfer kein Recht mehr über seine Schöpfung.
Gott verliert dadurch jedoch weder seine Herrschaft noch seine Schöpferstellung. Auch dort, wo der Mensch Leben technisch plant und menschlich verwaltet, bleibt Gott Gott.
Der Mensch kann Gottes Ordnung verletzen.
Er kann Gott aber nicht aus seiner Schöpfung verdrängen.

10. Würde Würde würdig gewürdigt …
Der moderne Mensch spricht viel von Würde. Doch Würde zeigt sich nicht darin, dass der Mensch alles tun darf, was technisch möglich und freiwillig vereinbart ist.
Würde setzt eine Ordnung voraus, der man entsprechen kann.
Wird Würde nur noch als Selbstbestimmung verstanden, verliert sie jeden Maßstab außerhalb des eigenen Willens. Dann gilt nicht mehr etwas als würdig, weil es dem Wesen und der Stellung des Menschen entspricht. Es gilt als würdig, weil der Mensch es will.
Damit wird Würde zur bloßen Bezeichnung der Autonomie.
Der Gedanke lässt sich in einem Wortspiel verdichten:
Würde Würde würdig gewürdigt, würde Würde Würde bewirken.
Würde die menschliche Würde tatsächlich würdig behandelt, müsste der Mensch als unverfügbares Geschöpf anerkannt werden.
Dann dürfte die Frau nicht zum Austragungsorgan eines Vertrages werden.
Dann dürfte das Kind nicht zum bestellten Gegenstand eines Kinderwunsches werden.
Dann dürften Embryonen nicht erzeugt, ausgewählt und aufgegeben werden, um ein gewünschtes Ergebnis zu erreichen.
Dann dürfte der Mensch nicht über das Lebensrecht eines ungeborenen Kindes verfügen.
Wirkliche Würde zeigt sich nicht in grenzenloser Selbstbestimmung.
Sie zeigt sich darin, dass der Mensch seine Stellung als Geschöpf erkennt und die Grenzen achtet, die der Schöpfer gesetzt hat.
Schluss
Kinder sind ein Geschenk Gottes.
Abtreibung verwirft dieses Geschenk. Leihmutterschaft versucht, es verfügbar zu machen. Beides entspringt dem Gedanken, der Mensch könne über Leben verfügen, weil er sich selbst gehöre.
Doch der Mensch gehört nicht sich selbst.
Er ist Geschöpf, nicht Schöpfer.
Er ist Empfänger, nicht Geber des Lebens.
Er ist Verwalter, nicht Eigentümer seines Leibes.
Und das Kind ist Gabe, nicht Produkt.
Wo der Mensch diese Ordnung verlässt, erhebt er sich gegen Gott.
Gott bleibt dennoch souverän. Er bleibt Schöpfer jedes Kindes – auch dann, wenn dessen Entstehung von menschlicher Anmaßung, Technik und Sünde begleitet wurde.
Das Kind bleibt Gabe.
Der Mensch wird sich dafür verantworten müssen, wie er mit ihr umgegangen ist.